UNESCO Aktionstag

Memorandum
Bonn, den 29.9.2014

Spielend die Welt verwandeln.

Das Simulationsspiel als didaktisches Übungsfeld zur "nachhaltigen Entwicklung".

"Bildung für nachhaltige Entwicklung" braucht eine didaktische Erweiterung; das öko-soziale Simulationsspiel liefert Orientierungs- und Zusammenhangswissen, es fördert Dialog- und Konsensfähigkeiten, und führt damit zu einer Verlebendigung von BNE .

Begründung:

Wenn die Thesen der Anthropologen und Spieleforscher stimmen, dann liegt an der Wurzel aller Kultur das Spiel. Dann haben Menschen über 99 Prozent ihrer Gattungsgeschichte gelernt, indem sie spielten. Heute dagegen laufen die Schulen Gefahr, aus kleinen strahlenden Wesen dressierte Zirkustiere zu machen, die wie auf Knopfdruck immer wieder Altes reproduzieren.

Was ist das Spiel überhaupt? Eine anerkannte Definition stammt von dem holländischen Kulturanthropologen Johan Huizinga. In seinem Hauptwerk "Homo Ludens" schreibt er 1938: "Spiel ist eine freiwillige Handlung oder Beschäftigung, die innerhalb gewisser festgesetzter Grenzen von Zeit und Raum nach freiwillig angenommenen, aber unbedingt bindenden Regeln verrichtet, ihr Ziel in sich selber hat und begleitet wird von einem Gefühl der Spannung und Freude und einem Bewusstsein des "Anderssein" als das gewöhnliche Leben."

Heute lassen sich Spiele in vier Hauptgruppen unterscheiden:

  • Zug-um-Zug-Spiele etwa Schach, WoW
  • Einsatz- und Wettspiele etwa Lotto, Totto
  • Bewegungsspiele etwa Fussball, Basket, Tanz

und

  • Gestaltungsspiele etwa Cooling down, Ökopoly.

Gestaltungsspiele rücken mehr und mehr ins Zentrum der Beachtung, geht es doch hier darum, im kreativen Prozess immer etwas Neues entstehen zu lassen. Das gilt für das spielerische Herumprobieren eines Forschungsteams ebenso wie für ein Sinfonieorchester.

Kreative Gestaltungsspiele bewegen sich oft hart am Rande des Chaos, dort, wo sich die bekannten Regeln auflösen. So entstehen durch das Spiel von Versuch und Irrtum noch nie dagewesene Türme aus Bauklötzchen, aber eben auch neue wissenschaftliche Theorien, Kunstwerke oder Lebensentwürfe. Um in die Zukunft etwas Neues zu bringen, braucht es den kreativen Schritt, der mit den Bedingungen der Gegenwart spielt und die vorhandenen Freiräume bis über den Rand ausdehnt.

Commoning ist Spielen - moderne Gestaltungsspiele haben den Grundgedanken des "gemeinsamen Tuns" zum Spielprinzip erhoben. Das soziale Spiel ist ein anderer Begriff für "Commoning", ein Verb, das sich nur zaudernd, als "gemeinsames Tun", als "gemeinschaften" ins Deutsche übersetzen lässt.

Commons, also Allmenden, oder Gemeingüter, sind ein Kitt der Gesellschaft etwa: Gemeinsame Wasserversorgung, staatliche Gesetze, die Geldwirtschaft, der Humus und Samen in der Landwirtschaft, die Atmosphäre, die Energieversorgung, die Abfallwirtschaft. Gemeingüter können in sich bergen, was Gesellschaften im Innersten zusammen hält.

Für Gestaltungsspiele - dessen Grundpfeiler, dem Commoning verpflichtet sind - gibt es im Grunde nur eine grobe Spielanleitung, die die Prinzipien des Gemeinschaften spielerisch möglich machen: Das kann die Anpassung an den Klimawandel (wie bei "Cooling down"), oder das Verhältnis der Industrieländer zu den sogenannten Entwicklungsländer sein (wie bei "Ökopoly").

Wer sich auf solche Gestaltungsspiele einlässt, also zum Gestalter, zum Akteure, also zum Spieler wird, erfährt nebenbei auch eine Menge über seine sozialen Fähigkeiten, seine "soft kills": Sind sie zum Dialog, zum mittragen von Entscheidungen, die im Konsens gefunden wurden, fähig? Oder: Wollen sie nur "reich" werden, oder wollen sie gemeinsam mit Anderen die Welt (im Spiel) verwandeln?

Hier trifft sich das moderne Gestaltungspiel mit dem über reine kognitive Faktenvermittlung hinausgehendem Anspruch der "Bildung für nachhaltige Entwicklung" (BNE): Erst das soziale Simulationsspiel, dass die Allmende, den Commons, dieses Strukturprinzip einer Gesellschaft, als tragendes Spielprinzip in sich eingebettet hat, schafft es, BNE angemessen zum Leben zu erwecken.

Als Memorandum zu verabschieden von den Teilnehmern der UNESCO Aktionstage zum Thema: Mit Spielen die Welt verändern.