Klimakonferenz am Küchentisch

 
 


06.10.2009, Utopia-Team,

„Es gilt bis zum Jahr 2050 den Anstieg der Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre um 50 Prozent zu senken“ – so die Spielidee von „Cooling down!“. Wie kann diese Herausforderung zur Grundlage eines Lernspieles gemacht werden? Und wie lässt es sich am Ende spielen? Ein Selbstversuch.

Vor kurzem war der Spielentwickler Otto Ulrich (Foto rechts) bei uns in Utopia zu Besuch und hat uns sein Spiel "Cooling down!" vorgestellt. Es simuliert eine Weltklimakonferenz, bei der jeder Mitspieler für eine Region der Erde verantwortlich zeichnet und diese vertritt. Es geht im Groben darum, die Erderwärmung durch verschiedenste Maßnahmen zu stoppen.

Ein junger Spieler hat es für uns ein mal durchgespielt und berichtet davon:

Von David Kapfer

Zunächst war nichts mit Spielen. Zunächst bleibe ich hängen beim Lesen, schnell ist klar, dass „Cooling down!“ mehr als ein Spiel ist. Es ist, wie versprochen, eine „Weltklimakonferenz“ der besonderen Art, die, so die Behauptung, als Simulation des Weltklimas auch gespielt werden kann - zunächst aber lande ich in Forum 1: dem Anfängerkurs. Hier kann derjenige, der keine Ahnung hat vom Treibhauseffekt, sich erst einmal Basiswissen anlesen.

Auch die Kleinen, die 6-Jährigen, die noch nicht lesen können, sind mit einem Quartett und Memory-Spiel gut beschäftigt. Es macht richtig Spaß, sich die dazu notwendigen 32 Karten aus den insgesamt 180 heraus zu suchen. Unweigerlich erwächst schon hier ganz schnell die Ahnung, dass versteckt in den Kartentexten, die weite Welt der Nachhaltigkeit, also die globale Welt der Anpassung an den Klimawandel zu finden sein wird. Da geht es etwa um weiße Dächer und weiße Straßen, - sie erhöhen die Reflektion der Sonnenstrahlen und kühlen dadurch, was den CO2-Ausstoß verringert. Oder es geht um Energiehunger, um den CO2-Beitrag von Atomenergie(!), um „Energieeffizienz als Energierevolution“ – erstaunlich, wie facettenreich sich die Welt zum Thema Nachhaltigkeit darstellt. Aber wir wollten doch bloß spielen!

Auffällig sind die roten CO2-Karten. Die sind gefährlich, manchmal sind da Verschmutzungspunkte drauf, dann steigt die CO2-Konzentration auf dem Spielplan, gar nicht so angenehm. Daneben gibt’s auch die blauen „Feuerkarten“. Sie sorgen immer wieder für Überraschungen, etwa, wenn sie zu Entscheidungen auffordern, die den Spielverlauf beeinflussen. Beispiel: „Soll das Wasser aus Staudämmen zur Erzeugung von Strom abgelassen werden, auch wenn dabei das im Stausee gepufferte CO2 in die Atmosphäre entweicht?“

Keine Ahnung, was ist die Absicht einer solchen Entscheidungsfrage? Unsere Spielrunde mutiert zur Diskussionsrunde. Später wird klar, das ist gewollt. Genau das scheint eine versteckte Absicht von „Cooling down!“ zu sein: die Teilnehmer ins Gespräch zu bringen. Eben wie auf einer richtigen Weltklimakonferenz, und das gelingt auch, immer wieder.

Wir legen schließlich los, ich bin für Südamerika verantwortlich, es hätte auch eine andere Weltregion sein können. Hier am Familientisch geht es plötzlich um die ganze Welt – das Spiel kann mit einem wie auch 20 Spielern durchgeführt werden. Und alle Regionenvertreter haben miteinander zu kooperieren. Neben mir sitzt die Verantwortliche für Europa, dann gibt es noch Russland, Afrika mit Arabien, Asien. Wie wird sich später im Spiel wohl Indien oder China verhalten? Nordamerika, klar hätte ich auch gerne vertreten – aber was heißt spielen?

Es gibt einen CO2-Pfad und einen Zeitpfad, entlang beider sich "Cooling down" entwickelt. Schon bald geraten wir in Spielstress, weil die CO2 Konzentration auf dem CO2 Pfad steigt und steigt. Weil dieser verflixte „Feuerwürfel“ – er hat vier rote und zwei grüne Seiten – viel zu oft, wie zu erwarten, zeigt er seine rote Seite. Dann muss auch eine rote Karte gezogen werden, es sind Punkte drauf, die die Erwärmung weiter steigen lassen – wie im Alltag, wir wissen ja auch nicht, wo und wie viel CO2 wann und wo aufsteigt. Wir kommen ins Schwitzen, wir brauchen unbedingt mehr Geld und Bildungsgutscheine, unsere Ressourcen. Nur damit kommen wir in die Lage, endlich, endlich CO2-Reduktionsstrategien zu entwerfen. Warum geht das so langsam? Das ist ja hier auf dem Spielplan wie im Alltag, Da geht alles seinen langsamen Gang, da scheitert eine Weltklimakonferenz nach der anderen, draußen wie hier bei uns auf dem Tisch steigt die CO2-Konzentration unaufhaltsam weiter. Wirklich unaufhaltsam?

Endlich, die ersten Karten der CO2-Reduktionsstregien kommen zum Einsatz. Es gibt neun Strategien, alles was auch tagtäglich in der internationalen Klimapolitik diskutiert wird, findet nun hier bei uns auf dem Küchentisch statt, unglaublich. Wer sich vorher nicht in die einzelnen Strategien eingelesen hat, holt dies jetzt schnell nach: Warum ist der Einsatz der Atomenergie so teuer, so risikoreich und bringt so wenig an CO2-Einsparung? Aha, der biologische Landbau ist auch eine Reduktionsstrategie – eine begehrte, wie sich bald herausstellt. Da gibt es auch die „Faktor 4-Strategie“, wobei es um Energieeffizienz und Ressourcenschonung geht. Die Versenkung von CO2 unter der Erde – durchaus hochaktuell, konkurriert plötzlich dem „Social Entrepreneur“, einer nachhaltigen Wirtschaftsweise.

Wenn es doch nur schneller ginge – und dann tritt ein, was nicht hätte eintreten dürfen: Plötzlich übersteigen wir die „Feuerlinie“, das ist jene Grenze auf dem CO2-Pfad, die eigentlich im Jahre 2050 auf unserem Zeitpfad nicht überschritten werden darf. Nun ist es passiert, und wir sind doch erst im Jahr 2032. Was nun? In der Realität darf das nie und nimmer passieren! Deshalb trainieren wird hier am Küchentisch gerade, genau das zu verhindern.

Jetzt kommt das „Globale Carbon Regime“ zum Einsatz. Da geht es um harte Maßnahmen, wir haben uns immer wieder zu entscheiden: Sollen Billigflieger abgeschafft werden und Vielflieger zu sozialer Arbeit verpflichtet werden? Sollen die internationalen Klimaschutzsoldaten millionenfach Rinder töten, um die gefährliche Methan-Emission zu stoppen oder sollte eine Klimasteuer auf Milch und Fleischprodukte erhoben werden?  Am Spieltisch geht es zu, wie, so hoffen wir, hinter den für uns verschlossenen Tüten der Weltklimakonferenz. Irgendwie sind wir alle plötzlich vom Ehrgeiz ergriffen, zum Klimaretter zu werden, es muss doch gelingen, endlich, noch vor Spielschluss unter die Feuerlinie zu kommen.

Nun, um es vorweg zu nehmen, dieses Mal haben wir verloren. Da müssen wir nochmal ran.

„Cooling down!” ist spielbar, noch wichtiger ist aber das Gespräch und der Wissenszuwachs, endlich habe ich kapiert, warum Klimagerechtigkeit so wichtig ist.

Meine Noten:

Spielfreundlichkeit: 3
Kompetenzgewinn: 2
Bewusstsein für Zukunftsverantwortung: zweifelsohne gestärkt
Wissenszuwachs: unglaublich, was ich alles nicht wusste.