Otto Ulrich, Frühjahr 2009

Wird Klimaschutz zum Placebo?

Klimagerechtigkeit führt zum Abbau von Treibhausgasen

Angela Merkel kann nichts falsch machen, da ohnehin die globale Klimastrategie neu gedacht werden muss.

Es geht um mehr, als „unsere Zivilisation“ weiter mit Strom zu versorgen.

Gibt es ein Menschenrecht auf Emissionen?

Wir brauchen eine „Politik der Vorsorge“ – denn auch mit dem zu erwartenden „Kopenhagen-Abkommen“ wird vorerst die globale Erwärmung ansteigen, das Grönlandeis schmelzen, der Permafrostboden auftauen, die Meeressspiegel ansteigen, Stürme und das Wandern der Wüsten zunehmen.

Nicht das „Kopenhagen-Abkommen“ ist wichtig, vor allem geht es um Klimagerechtigkeit, alternativlos, gefordert ist eine  „Kultur der Gastlichkeit“.

Es darf nicht wahr sein, da ist kein Fehler, alles wurde doch richtig gemacht, die Daten sind eindeutig, die Konsequenzen sind unfassbar: Den neuesten Daten nach ist die Schlacht gegen den weiteren Anstieg von Kohlendoxid in der Atmosphäre schon verloren: seit dem Jahre 2000 hat sich die Konzentration dieses Treibhausgases in einem Maße erhöht, die keiner für möglich gehalten hat. Die Welt sollte sich darauf vorbereiten, dass es ganz ganz schlecht kommen wird – ein Neudenken der Zukunft der Welt, kein technologisches Mikromanagement mehr, ist angesagt – denn, auch das steht fest: Weniger Erwärmung wird es nur mit mehr (Klima-)Gerechtigkeit geben – das ist radikal, das ist nicht politisch korrekt, leider wird es wohl nicht anders gehen, aber wird es überhaupt gehen ?

Dieses Horrorszenario erscheint im Lichte, das vom Weltklimagipfel jetzt in Posen und vom jüngsten Klimagipfel der EU in Brüssel verbreitet wird, wie eine Meldung von einem anderen Stern: Was konferenzmüde Diplomaten und unbekannte Experten aus 180 Ländern da auf den Weg gebracht haben wird mutig als Erfolg verbreitet: für den, wie es immer wieder heißt, entscheidenden nächsten Weltklimagipfel in Kopenhagen sei nun die internationale Architektur konzipiert, es sei alles gerichtet, im nächsten Dezember ein neues Klimaabkommen auf die Welt zu bringen.
Und auch das EU-Ziel – eine Reduktion der Treibhausgase um 20 Prozent bis 2020 - sei nun nach der letzten Ratssitzung in Brüssel erreichbar, besonders durch die Milliarden, die zum Umrüsten des qualmeligen osteuropäischen Kraftwerkspark bereitgestellt werden – wirkt dies nicht alles irgendwie als Sandkastenspiel?
Die Dramatik über unseren Köpfen wächst in nie geahnte Dimensionen, und wie es scheint, sind wir mit unseren politisch korrekten Absichtserklärungen noch längst nicht – werden wir es je sein können? – auf Augenhöhe mit dem, was da auf die Menschheit herein zu brechen droht – um was geht es eigentlich?

In 100 Jahren 4 Grad Celsius verkraften

Was sich damals vor 15000 Jahren, als die letzte Eiszeit zu Ende ging, über einen Zeitraum von 5000 Jahren hinzog - eine Steigerung der globalen Erwärmung um 5 Grad Celsius - droht nun innerhalb eines Jahrhunderts. Trotz aller politischen Rhetorik, irgendwie gelingender Weltklimakonferenzen, eindringlicher wissenschaftlicher Warnungen, aufrüttelnder Schlagzeilen, es wird immer deutlicher: Nichts spricht dafür, dass sich die Klimachemie über unseren Köpfen irgendwie politisch korrekt verhalten wird.
Damals, am 2. Februar 2007 … es scheint unendlich weit zurück, also an dem Tag als der Weltklimarat (IPCC) seinen 1. Bericht zur Lage der Atmosphäre vorlegte, damals schien die Zukunft der Erwärmung noch „steuerbar“: Um die globale Erwärmung bis 2050 auf noch halbwegs erträgliche gut zwei Grad zu begrenzen, müssten die weltweit anfallenden Emissionen um mindestens 50 Prozent gesenkt werden. Man müsse, so die bis heute verbreitete offizielle Lesart, das 2012 ohnehin auslaufende Kyoto-Protokoll auf eine neue, angemessene Basis zu stellen - dazu jetzt das Treffen in Posen, demnächst in Kopenhagen.
In den Jahren nach 2013, mit dem neuen Ankommen, könne dann so richtig mit der Reduktion der Treibhausgase weltweit begonnen werden – etwa jährlich um 3 Prozent, wie es die Briten so musterhaft in ihrem neuen Klimawandel-Gesetz von 2008 für ihr Land aufgeschrieben haben.

Kann diese Zukunftsrechnung überhaupt auf gehen?

Nun, die naturwissenschaftlichen Gesetze der Atmosphärenphysik werden sich wohl kaum nach politischen Gesetzen, nach modernen Computersimulationen, oder nach den irdischen Gesetzen des Weltmarktes richten. Da wird wohl leider auch Barack Obama nichts dran ändern können. Er wird - wie jetzt vorgeschlagen - vor dem Weltauditorium in Kopenhagen wohl gekonnt zum gemeinsamen Handeln aufrufen – gleichwohl wird der immer schneller fahrende Zug erst einmal weiter in eine andere Richtung fahren.

Wo stehen wir heute im Jahre 2009?
Von 1840 bis heute wird ein Anstieg der globalen Erwärmung von 0,7 Grad registriert und mit zusätzlichen 0,5 Grad wird infolge der Emissionen bis 2006 gerechnet – es wird sehr, sehr knapp, allein schon in dieser Rechnung, die noch als solide gilt.
Anders: 1840 lag die Konzentration von CO2 in der Atmosphäre bei 280 Teile in einer Millionen Teile Luft – parts per Million, ppm. Heute liegt dies bei 381 ppm, nach der offiziellen Lesart darf die Menschheit bis 2050 aber nicht über 450 ppm hinaus kommen – allein schon aus dem Grunde, weil dieses Ziel international gerade noch verhandelbar zu sein scheint.
Alles was darüber hinausgeht, so die Befürchtung, wird nicht konsensfähig sein – längst aber taucht 650 ppm und eine globale Erwärmung um 4 Grad Celsius bis 2100 in der internationalen Diskussion auf… und wir diskutieren ernsthaft die modern anmutende Perspektive, das Öko-Hightech – etwa moderne Solarzellen, die Nanotechnologie - die Welt retten könne. Eindeutig, es dominiert der Ingenieursblick, der Unternehmerblick auf die zentrale Frage nach der Anpassung an die Folgen des Klimawandels – genau das, was im Mittelpunkt zu stehen hätte, nämlich Klimagerechtigkeit politisch-konzeptionell zu fassen, genau darum geht es bislang nicht.

Auch wenn die Melodie von der „grünen industriellen Revolution“ nun von überall her ertönt und zum Mantra eines machbar erscheinenden Lösungsweges stilisiert wird, sie betört mehr als das sie Orientierung gibt:

Sicherlich, die „grüne Revolution“ wird die Grundmelodie sein, die auch auf dem nächsten Weltklimagipfel gespielt wird. Es ist der Lösungsansatz den die industrialisierte Welt zu bieten hat, das kann sie, das hat sie auf die heutige Höhe ihrer einstmals als Fortschritt dargestellten glitzernden Erfolge gebracht – die heute zunehmend als schal gelten, denn jetzt geht es darum, wie dies Yvo de Boer, der oberste Klimaschützer der Vereinten Nationen, formuliert hat: „… die Entwicklung der Menschheit umzulenken.“ Und der New Yorker Gouverneur David Paterson, seines Zeichen Sparkommissar seiner Stadt, setzt dies durch notwendig gewordene Sparprogramme drastisch um: „Wir werden unsere ganze Kultur ändern müssen“, meint er, und damit hat er, sicherlich ungewollt, die weltweit um sich greifende Wirtschaftskrise wohl auch auf seiner Seite.

Wir müssen die Brille ablegen, die uns blind hält, weil sie uns Glauben macht, wir könnten „unsere Zivilisation“ allein durch neue Technologien retten. Diese Blindheit und Einseitigkeit speist die heimliche Hoffnung, gut gemeinte Placebos werden schon in die gewünschte Richtung wirken.

Geht es um „unsere Zivilisation“ – oder um was?

Es führt kein Weg daran vorbei: Wir haben das „Wirtschaften neu zu denken“, wir haben nicht in erster Linie nach technologischen Lösungen zu suchen, wir haben nach neuen, konzept-kreativen Lösungen zu suchen, wir haben eine kulturelle Herausforderungen vor uns, die uns die Chance öffnet, endlich als Weltgemeinschaft zusammen zu wachsen. Noch aber haben wir damit nicht einmal angefangen, noch wird Klimagerechtigkeit als eigentlich zu bewältigende Zukunftsaufgabe international ignoriert.

Was heute intoniert wird, ist nicht das, was ein Albert Einstein für richtig halten würde: „Wer werden die Probleme nicht auf der Ebene des Denkens lösen können auf der sie entstanden sind.“ – genau das wird gegenwärtig vernachlässigt.
Es wird nur im Lichte der Erfahrungen von gestern nach Lösungen für Morgen und Übermorgen gesucht – aber genau nicht dort, wo noch nicht das Licht hinfällt. Genau dort könnten längst Suchbewegungen laufen, die die Welt braucht, aber keine Chance haben, durch die Filter der Konformitätskontrollen, an den Stallwächtern der Gegenwart vorbei zu kommen.
Es wird mit Schwung auf einer beherrschbar erscheinenden Ebene nach Neuem gesucht, aber der Technikfalle, in die uns „unsere Zivilisation“ gebracht hat, also mit noch mehr Technik - selbstverständlich erneuerbar, effizienter gleichwohl aber super komplex – werden wir den Folgen der alten Emissionstechnologien nicht entkommen.

So wird ignoriert, um was es immer mehr zu gehen hätte:
Klimagerechtigkeit zum Maßstab für dann – 2050 - 9 Milliarden Menschen auf dieser einen Erde zu machen, Menschen, denen weiterhin nur eine Atmosphäre und ein Weltozean zur Verfügung steht. 50 Prozent mehr Menschen und – bleiben wir mal dabei – gleichzeitig aber mindestens 50 Prozent Reduktion an Treibhausgasen – keine Konsensbürokratie, kein Emissionshandel wird etwa die ungeregelte Dynamik der Methaneruptionen in der Taiga aufhalten können! Wie dieser Spagat gelingen soll, ist völlig unklar! Auch das kommende „Kopenhagen-Abkommen“ – soweit schon erkennbar mit seinen Werkzeugen wie Emissionshandel und Energieeffizienz - wird hier kaum weiterhelfen

Darf es ein Recht auf Emissionen geben?
Das ist längst Alltag!

 

Vieles kommt zusammen: Der jüngste, dramatische Anstieg der CO2 Konzentration in der Atmosphäre, die physikalisch-chemische Tatsache, dass sich die Abbauzeit von CO2 in der Atmosphäre zwischen 55 und 200 Jahren bewegt – und drittens - die nun endlich auch berechenbar gewordene Erkenntnis, dass ein technologischer Ansatz zur Reduktion der Emissionen kaum ausreichen wird, mehr als dämpfend auf die weiter wachsende Dynamik steigender Konzentrationen einwirken zu können.

Es könnte scheinen, es wäre dringlich, die Klimastrategie der UN neu zu definieren. Vielleicht, aber darum geht es längst nicht mehr. Deshalb kann Bundeskanzlerin Angela Merkel auch nichts falsch machen, wie ihr jetzt nach dem Treffen in Posen vorgeworfen wurde: Und Politik ist nicht am Ende, so hat gerade die Bundeskanzlerin die Chance, die internationale Klimadiskussion in den globalen Kontext der nicht hintergehbaren Suche nach Wegen zur Klimagerechtigkeit zu stellen – denn, „wir“(!), die Repräsentanten „unserer Zivilisation“, sind nur 1.000.000.000 Menschen - wir aber sind nicht allein, auch die anderen, die „Restlichen“, die 5,7.000.000.000 Menschen, die schon heute mit uns diese Erde bevölkern, sie haben auch, zweifelsohne, ein „Recht auf Entwicklung“, selbstverständlich, nur, wir haben ihnen kaum noch Emissionsspielraum gelassen.

Allein China hat sein „Recht auf Emissionen“ von 2005 auf 2006 mit einer Steigerung von 5.429 auf 6.018 Millionen Tonnen CO2 wahrgenommen; Indien hat sich das Recht genommen, im gleichen Zeitraum seine wirtschaftliche Entwicklung mit einer Steigerung seiner Emissionen von 1.194 auf 1.293 Millionen Tonnen fortzusetzen.
Was könnte diese neu-alten Entwicklungsländer auch daran hindern ihre Massen mit elektrischem Strom zu versorgen, zu versuchen, sie nicht weiter nur mit Solarlampen ruhig zu halten, sogar versuchen, sie aus ihren Hütten zu holen, ihnen also die Chance zu öffnen, ihr „Recht auf Entwicklung“ auch wahr nehmen zu lassen?

Nur, vertrackt, sofort verwandelt sich dieses universale „Menschenrecht auf Entwicklung“, in ein wohl kaum abzuleugnendes „Menschenrecht auf Emissionen“. Wer Entwicklung sagt, und diese auf wirtschaftlichem Felde sucht, hat giftige (Zusatz-)Emissionen gleich mit zu akzeptieren - ohne das wird es vorerst nicht gehen.
Kein Abkommen wird verhindern können, dass die Meere weiter ansteigen, die Wüsten weiter wandern, die Gletscher im Himalaya weiter schmelzen werden – Umweltmigranten werden sich in Massen auf die Wanderschaft begeben – und „unsere Zivilisation“ wird sich diesen nicht-beabsichtigten Folgen seines eigenen Hungers nach noch mehr - noch mehr - Elektrifizierung nicht entziehen können.
Und genau das wird uns eine kulturelle Entwicklung aufdrängen, die wohl Yvo de Boer, gemeint haben muss, als er davon sprach, die Entwicklung der Menschheit umzulenken – was wohl nur unter Druck entstehen wird.

Das Konzept der Klimagerechtigkeit

Wir haben die Perspektive der wachsenden Ströme von Umweltmigranten einzunehmen, also jener „Klimaflüchtlinge“, denen elementare Menschenrechte entzogen werden: Ihr Recht auf sauberes Wasser, gesunde Ernährung, auf Hygiene und Gesundheit, auf Bildung und Heimat muss als Maßstab genommen werden - gerade durch uns, denn es ist doch essentiell für unsere „westliche“ Zivilisation genau dieses Recht auf Entwicklung, als Menschenrecht - (nur für uns selber?) - hoch zu halten.
Die Suche nach Klimagerechtigkeit bekommt eine neue Perspektive.
Die historisch gewachsene heute aber als ungerecht betrachtete Emissionsstruktur – vor allem die alten Industriestaaten Europas und die USA tragen eine Hauptlast der globalen Verantwortung für das Wirken des Treibhausgaseffektes – wird sich unter den Bedingungen einer diplomatisch gerade noch hinnehmbaren Konzentration von 550 ppm nicht mehr ausgleichen lassen:

Es wird bald keine Rolle mehr spielen, wer wie viel Millionen Tonnen CO2 in die Luft geblasen hat, ob es gelingt, „Gleiche Emissionsrechte für Alle“ durchzusetzen – die Folgen der ansteigenden globalen Erwärmung werden alle zu tragen haben. Die zu erwartenden neuen Völkerwanderungen werden erzwingen, was durch keine „Bootpolitik“ im Mittelmeer wird aufzuhalten sein: Die neuen Heerscharen der Klimaflüchtlinge werden nationale Grenzen überschreiten, bereitgestellte Zeltstädte überfluten, sie werden sich biologisch und kulturell mit den Menschen der „neuen Heimat“ vermischen. Unter diesem Druck wird eine ungewöhnliche wie kreative neue „Kultur der Gastlichkeit“ entstehen. Den „Atmosphärenvergiftern im klassischen Kolonialstil“ – USA und der EU – wird sich die Chance öffnen, endlich, Einwanderungs- wie Integrationspolitik als erzwungene wie unabweisbare Form der Klimagerechtigkeit praktizieren zu müssen.

Erst dies wird den Wandel „unserer Zivilisation“ hin zu einem weltverantwortlichen Handeln, hin zu einer bescheideneren, einer dann konsequent nachhaltigen Weltsolidarität möglicher machen. Erst dann wird mehr globale Gerechtigkeit zu weniger Emissionen führen – etwas, was kein Abkommen zu leisten vermag.

 
 
 

Die Welt umstülpen

"Alles hat mehr als zwei Seiten"
Bericht vom Blick in eine Schatzkiste der Zukunft

Essay von Otto Ulrich, erschienen auf
www.themen-der-zeit.de